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Melissa Tara Nielsen

Moderne Gedichte 

 

 

 

"Kunst heißt, nicht wissen, daß die Welt schon ist, und eine machen."

Rainer Maria Rilke

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"Just before our love got lost you said

'I am as constant as a northern star'

and I said:

Constantly in the darkness? Where's that at?

If you want me I'll be in the bar."

Joni Mitchell

Home: Welcome
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Weiße Flagge 


Meine Finger wie Türme,  

meine Hände wie Festungen,  

wie Basilisken aus Stahl 

an den Toren meiner Stadt.  

Und du wie Bäume 

an den Flüssen meiner Senkung,  

wie Wurzeln, die graben, 

unter die Mauern meiner Burg  

in die Erde. 


Und ich wie Äxte, wie Sägen zu dir. 

Und du wie Frühling zu mir. 


Und du wie Füchse im Tal  

und wie Wölfe am Ufer. 

Und wie Tau auf den Gräsern  

bei den Fischen am Bach. 

Und ich wie Jäger auf leisen 

Hufen aus Eisen,  

wie Schützen mit Flinten  

im Lehm. 


Und ich wie Speere, wie Gewehre zu dir. 

Und du wie Nahrung zu mir. 


Und ich wie Bastionen,  

wie stolze Rondelle 

mit Erkern zum Abwurf  

von kochendem Teer. 

Und du wie Tauben im Sturm  

und ich wie Feuer vom Turm 

und du im toten Winkel hinein, 

über die Gräben meiner Festung  

aus Stein. 

Hildesheimer Lyrikpreis 2024

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Atelier 


Ich bin eine andere geworden

seitdem ich das letzte Mal  

in deinen Räumen war.  

Es ist jetzt Zeit.  

Ich möchte, dass du mich malst.  

Ich lege mich hin für dich

wie Judith für Klimt, Iris für Modigliani 

und die roten Mädchen aus Paris für Renoir.  

Ich möchte, dass du mich in deine Farben tauchst,  

bis ihr Öl von meinen Haaren tropft

und über meinen Körper fließt,  

zwischen die Finger deiner Hände,  

die meinen Formen folgen,  

wie ein Töpfer den Rundungen feuchten Tons.  

Siehst du nicht, wie er sie küssen will  

und hält am Höllentor? Rodin.  

Wie sie sie hält? Manet. Chagall:  

Wie er sie liebt?  

Lass ihn sie küssen und halten.  

Ein Maler wie Klimt  

ließ ihn sie küssen  

und halten.

In: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte
Ausgewählte Werke XXII

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Du hättest Worte  

für mich finden können 

nur ein paar gute Worte 

Ist das Liebe 

mich so  

ganz ohne Worte 

gehen zu lassen 

mich gehen zu lassen 

wie könnte es Liebe sein 

wie könnte es 

wenn du mich  

so ganz ohne Worte 

so ganz  

ohne _____ 

gehen lässt 

​

ganz ohne

In: Du siehst mich nicht, Frieling-Verlag, Berlin 2024

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Muttermal

 

Sie hat ein Muttermal auf ihrer Hüfte, 

das liegt dort wie ein kleiner brauner See. 

Und dieser See ist wie umrahmt von einer 

Landschaft ohne Weg und Ziel, 

aber durch die ich fahren kann, 

mit meinen Fingern. 

Und ihr Slip ist wie ein Hafen, 

der verbirgt, wohin es geht, 

wenn sie sich aufsetzt und erzählt, 

oder sich mit ihrem nackten Mund  

und Augen in den Laken dreht. 

Und ihre Haut ist wie vom Sand im Wind 

ganz weich geschliff'ner Stein. 

Ich segle heut zu deinem Hafen. 

Ich kaufe dort ein Boot für dich. 

Wir fahren zur See.

In: Pappelblatt, Zeitschrift für Literatur, Menschenrechte und Spiritualität Dez. 2019

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Bisschen Mascara

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Manchmal ziehe ich mein Gesicht 

falschherum auf, dann fällt etwas heraus 

oder es beginnt zu tropfen.

Heute, zum Beispiel, da ist es passiert,

da hat es pulsiert.

Nicht mal Schminken ging mehr.

 

Da hab ich mir das Teil vom Schädel gerissen, 

in eiskaltes Wasser in die Spüle geschmissen,

doch die Haut an den Seiten, die war schon so dünn, 

sie ist mir tatsächlich eingerissen! 

Morgens um 8! 

 

Was hab ich dann mit dem blutenden Ding gemacht?

Ja, was willst du auch machen? Es wurd ja schon spät.

Also hab ich’s, trotz seiner Porosität,

seitlich wieder zusammengenäht.

Und dann hab ich’s, 

natürlich halb zerfetzt,

richtigherum wieder aufgesetzt. 

Bisschen Mascara.

Und dann bin ich zur Arbeit.

 

Jetzt ist es schon Abend und ich hab’s immer noch an.

Nur trau ich mich nicht, es mehr auszuziehen.

Was, wenn ich’s dann nicht mehr tragen kann?

Was zieh ich dann an?

In: sfd & grotesk, Literaturzeitschrift der Schule für Dichtung Wien, 2024

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Ankommen 


Nicht mehr überglühen  

und meine Kraft versprühen.  

Nicht mehr eingehen  

an meiner Ãœbertemperatur.  

Nicht mehr ständig  

mir selbst hinterherrennen  

oder einem falschen Bild von mir.  

Mal mein Moment-Ich akzeptieren  

und dann langsam weiterwachsen,  

als gäbe es keine Zeit zu verlieren,  

weil es keine Zeit zu verlieren gibt.  

Und als wäre ich schon dort,  

wo ich schon immer sein wollte,  

weil ich genau dort bin.

In: Augustin Boulevardzeitung, Sept. 2019

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Tattoo 


Es sei meine Liebe gewesen,   

die ich über dich 

und den Himmel unserer Wüste spannte, 

in der nur Aloe Vera wuchs, 

damit wir nicht verbrannten. 

Wir haben uns an den Vulkan gelegt 

und ich habe gesagt: Ich schaffe das nicht. 

Und du: Ich folge dir überall hin. 

Dann bin ich gegangen. 

Wie ein Tattoo, hast du gesagt, 

an der Küste unserer Wüste. 

Jetzt weiß ich, was du meintest: 

wie Narben unter der Haut. 

In: DER STANDARD, Dez. 2024

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Zum Papier 


Wahre Kunst kann nicht anders.  

Sie hat keine Wahl.  

In ihrer Süßlichkeit 

tut sie weh. 

Wie ein Schnitt in die Ferse, aus der flüssiges Blut rinnt,  

das man bald wie Eisen auf der Zunge schmeckt,  

gerade so, als wären wir die Tuben unserer Farben,  

die über die Leinwände unserer Leben fließen,  

wie kleine Flüsse aus Orgasmen, 

aus Schößen wie Quellen, die gebären,  

oder dem zähen Saft von Pflaumen, die,  

wenn sie reif sind, platzen,  

sodass ihre Haut aufreißt,  

weil ihr Fleisch schon anfängt zu gären.  

Wahre Kunst lässt einem keine Wahl.  

Wahre Kunst ist, was passiert, wenn wir überleben wollen.  

Wenn es dunkel wird. Kunst.  

Wenn es einsam wird. Kunst,  

wenn es nichts mehr gibt,  

als diesen Raum in unserem Herzen,  

wo allein noch so viel Licht scheint: 

genug für die Bewegung zum Pinsel,  

genug für den Weg zum Klavier.  

Wo alle Lichter ausgehen:  

genug für den Schritt 

zum Papier. 

In: Haller 16 Literaturmagazin 2019

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Schaukel 


Schaukel, 

schaukelt wie von alleine, 

als säße ein unsichtbares Kind auf ihr, 

das heimlich ausgegangen ist, um sich zu lüften. 

Sieht es sich zu, wie es über der Erde schwebt? 

Freut es sich an dem Wind, der ihm entgegen schlägt? 

Ja, bestimmt. 

Aber irgendwann wird ihm wieder einfallen, 

dass es mit sich alleine ist. 

Wenn erst der Schrecken kommt 

und dann die Angst vor der eigenen Innerlichkeit 

und vor der eigenen Macht, 

weil es sich selbst bewusst wird. 

Und weil dieses Selbst so groß wird, 

dass es „ich“ sagen kann 

und die sicheren Grenzen verschwinden. 

Dann wird es wieder darauf warten, 

endlich abgeholt zu werden. 

Dann wird es vergessen wollen, 

was alles in ihm ist 

und was noch alles kommen mag, 

damit wieder jemand anderes 

das Große sein kann, 

das die Verantwortung trägt 

und die Entscheidungen trifft, 

denn erst dann 

- wie gut - 

darf es wieder ein Kind auf einer Schaukel sein.

In: Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts 2014

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To Jules 

(so he knows who he's dealing with)  

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Now Jules, here's the thing: 

I'm in love with people  

and I'm afraid of them. 

I want to fight and to hug,  

to flee and to fuck them  

all at the same time. 

I can plunge into them and drown  

if I allow myself to let go. 

So, no, listen up: 

I don't need us to date, 

but if you spend just  

one more night with me, 

I'll love you  

this entire  

decade.

In: Why nICHt. Comparative Literary Magazine 2018

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Nordseetraum 


Dass wir mehr wollten, als möglich war,  

uns der Mut fehlte und uns  

der Sex nicht um den Verstand gebracht hat, 

das finde ich schade: 

dass wir nicht aufgehört haben zu denken. 

Und dass nichts übrig geblieben ist, von uns,  

als Gedichte und Leere  

und der fahle Geschmack einer missglückten Affäre,  

die nicht mein Körper, sondern mein Herz gehabt hat.  

Und dass wir ihn jetzt aufgeben mussten,  

nach all den Versuchen und all den Verlusten,  

unsern Traum von den Kindern 

unserer Freunde am Strand, die spielen, 

mit unsren, während wir Hand in Hand    

spazieren gehen. 

Und dass sie wohl doch nur ein Einfall waren,  

die Liebe, die Kinder, und die Fahrten aufs Land, 

der Wind in den Haaren 

und das Haus an der Nordsee,  

unsre Hände im Regen,  

und unsre Schritte im Sand. 

In: Why nICHt Comparative Literary Magazine 2018

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Veröffentlichungen

Eine Auswahl

In der 5
In: Pappelblatt, Zeitschrift für Literatur, Spiritualität und Menschenrechte

Wien 2024

Ganz Ohne
In: Du siehst mich nicht, Frieling-Verlag

Berlin 2024

Bisschen Maskara
In: sfd & grotesk (Zeitschrift der Schule für Dichtung Wien)

2024

One-Night-Stand
In: Berge und Sichten. Gedichte.

2024

Ein Tief
In: Augustin Boulevardzeitung

2020

Tattoo
In: Der Standard

2024

Muttermal
In: Pappelblatt -Zeitschrift für Literatur, Menschenrechte und Spiritualität.

2019

Atelier
In: Unter einem Apfelbaum liegen. Gedichte .

2019

An den Vater
In: Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte

2019

Ankommen
In: Augustin Boulevardzeitung

2019

Zum Papier
In: Haller 16 Literaturmagazin

2019

Tattoo
In: Pappelblatt -Zeitschrift für Literatur, Menschenrechte und Spiritualität

Wien 2019

Atelier
In: Pappelblatt -Zeitschrift für Literatur, Menschenrechte und Spiritualität

Wien 2019

Weiße Flagge
In: Unter einem Apfelbaum liegen. Gedichte.

2019

Schaukel
In: Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts

2014

Weiße Flagge
In: Lyrischer Lorbeer

Bielefeld 2018

Nordseetraum
In: Why nICHt Comparative Literary Magazine

Wien 2018

To Jules
In: Why nICHt Comparative Literary Magazine

Wien 2018

Ein Tief
In: Why nICHt Comparative Literary Magazine

Wien 2018

Home: Work
Open Book

Bio

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Melissa Tara Nielsen stammt ursprünglich aus Deutschland und lebt und arbeitet seit 2017 in Wien. Ihre Gedichte sind Momentaufnahmen intimer Begegnungen und nuancierte Beobachtungen des Alltags, die zum Nachdenken anregen und innehalten lassen. Erschienen sind ihre Gedichte in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien, wie dem Frieling Verlag, dem Lyrischen Lorbeer, der Anthologie Haller und dem Wiener Pappelblatt. Sie ist Hauptpreisträgerin des Hildesheimer Lyrikpreises 2024. 

Home: Bio

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Fotos und Texte © 2025 by Melissa Tara Nielsen
Profilfoto © Paulina Simankowicz

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